St. Jakobus Ennigerloh
 
Nach einem Vortrag von Dr. Paul Schwake vor dem Heimatverein Ennigerloh 2002
 
 

Wer sich Ennigerloh von Norden, Süden oder Westen nähert, sieht die Kirche mit ihrem stattlichen Turm schon von weitem auf einem Hügel liegen, um den sich er alte Dorfkern gruppiert. Das sieht auf den ersten Blick so schön ursprünglich aus, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht. Die Kirche wurde nämlich nicht dort gebaut, wo die Gläubigen wohnten und ist insofern eine Besonderheit unter den Nachbargemeinden. Es wäre ja auch nicht besonders sinnvoll gewesen, ein Dorf auf einen Hügel zu bauen, wo es schwierig war, Brunnen zu graben. Es gibt zwar keine urkundlichen Beweise dafür, aber alle Logik spricht dafür anzunehmen, dass die Kirche an der Stelle eines germanischen Heiligtums gebaut wurde. Dazu passt auch die Deutung des Namens mit seiner Endsilbe –loh, die denselben Ursprung hat, wie das lateinische Wort „lucus“ mit der Bedeutung „Heiliger Hain“, also einen Ort des Gottesdienstes unter freiem Himmel bezeichnet. Sicher nicht zufällig tagte auch das Femegericht auf dem Grundstück anschließend im Süden ebenfalls unter freiem Himmel.

Mit der Einführung des Christentums nach der Eroberung Sachsens durch die Franken (nach 800) wurde Ennigerloh Pfarre und bekam sicher bald ein festes Kirchengebäude, über das wir aber nichts wissen. Dem Gesetz entsprechend wurde um die Kirche ein Friedhof angelegt, der bis zum Jahr 1877, d. h. ca. 1000 Jahre lang benutzt wurde. Erst nach dem 30-jährigen Krieg (1618-48) erlaubte der Landesherr, der Bischof von Münster, auf dem Rand dieses Friedhofes Häuser zu bauen; ebenso wurde nach 1700 der nicht mehr gebrauchte Platz des Gerichtes bebaut – erst so entstand der alte Dorfkern, der Drubbel.

Wie alt ist aber nun die Kirche, die heute im Mittelpunkt steht? Auch darüber gibt es keine Urkunden oder Akten, trotzdem gibt es Anhaltspunkte für eine Datierung, indem wir Stilvergleiche anstellen mit andern, ähnlichen Kirchen aus derselben Bauperiode.

Karl der Große (und seine Nachfolger) verstanden das Christentum als die Klammer, mit der ihr großes Reich aus verschiedensten Stämmen zusammengehalten werden sollte. Bewusst wählte er es nicht in seiner östlichen oder seiner keltischen Ausprägung, die ja beide als Vorbilder hätten dienen können. Vielmehr sollte nach „römischer Weise“ Liturgie gefeiert werden, und so sollte auch gebaut werden: „more romano“. Das brachte in der Folge die weite Verbreitung der lateinischen Sprache als Kirchen- und Wissenschaftssprache; das war auch der Start  zum romanischen Baustil. Um das Jahr 1000 setzte ein wahrer Boom ein, vor allem in Frankreich und Deutschland; viel davon ist uns bis heute erhalten. Typische Kennzeichen dieser Baukunst sind die dicken Mauern, die kleinen Fenster; bisweilen ist der Grundriss rund, meist aber in Form eines lateinischen Kreuzes. Nach dem Vorbild römischer säkularer Repräsentativbauten (Basilika = Königshalle) ist das lange, hohe Hauptschiff begleitet von zwei niedrigeren Seitenschiffen, sodass das Licht über den Arkaden, die die Schiffe voneinander trennen, hereinströmt. Fenster, Arkaden und Gewölbe wurden oben mit einem Rundbogen abgeschlossen, der die nötige Stabilität besorgte, aber es gab im Laufe der Zeit durchaus auch schon Spitzbögen in rein romanischen Gebäuden. Dieser Spitzbogen wurde dann später zu einem charakteristischen Merkmal eines neuen Baustils, der Gotik, der sich im 12. Jahrhundert in Frankreich entwickelte und mit ca. 100-jähriger Verzögerung auch nach Deutschland kam.

Bei diesem Übergang von der Romanik zur Gotik spielte Westfalen eine Sonderrolle, wobei wohl auch Einflüsse aus Italien und Frankreich beteiligt waren. Jedenfalls übernahm man hier nicht gleich die neue „Mode“ aus dem Westen, sondern blieb zunächst bei den bisherigen architektonischen Mitteln, entwarf aber eine ganz neue und eigene Gestalt des Innenraumes: Der Grundriss war nicht mehr wie ein langes Kreuz, sondern wurde fast quadratisch, vor allem aber wurde der Unterschied in der Höhe von Hauptschiff und Seitenschiffen aufgehoben. Einen Raum mit solch gleich hohen Schiffen nennt man in der Architektur eine „Halle“ im Gegensatz zur bisherigen Basilika. Bekannteste Beispiele für eine romanische Basilika in unserm Raum sind die Stiftskirche in Freckenhorst oder die Patroklikirche in Soest. Wohl als die erste westfälische Hallenkirche wird die Hohnekirche (Maria zur Höhe) in Soest angesehen, in deren Nachfolge zahlreiche Kirchen dieses Typs in der Soester Börde, in der Grafschaft Mark und im Münsterland entstanden, eine davon ist die Jakobuskirche in Ennigerloh. Da die Baujahre von mehreren dieser Kirchen bekannt sind, kann man für Ennigerloh etwa die Mitte des 13. Jahrhunderts als Entstehungszeit ansetzen. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass St. Jakobus in Ennigerloh zur selben Zeit entstand wie der Kölner Dom (Grundsteinlegung 1248) und damit deutlich machen, wie der französische Einfluss von Westen kommend sich erst allmählich durchsetzte. Die „Halle“ gefiel den Westfalen übrigens so gut, dass sie diese Konstruktion auch für ihre späteren gotischen Kirchen beibehalten haben (in unserm Raum z. B. mehrere Kirchen in Münster, St. Laurentius in Warendorf, St. Stephanus in Beckum, St. Ägidius in Wiedenbrück, St. Bartholomäus in Ahlen, sowie Ober– und Unterstromberg und die schönste der Kirchen in Soest: Maria zur Wiese/Wiesenkirche); und so gibt es nur eine einzige gotische Basilika in ganz Westfalen (St. Jakobus in Breckerfeld, bezeichnenderweise an der Westgrenze zum Rheinland).

Leider ist der ursprüngliche Zustand unserer Kirche verloren gegangen, als in der Zeit der Industrialisierung eine Vergrößerung notwendig wurde. 1887/88 wurde der alte quadratische Chor abgebrochen und durch ein dem damaligen Geschmack entsprechendes neugotisches Querschiff und einen ebensolchen Chor ersetzt. Zum Glück ging danach das Geld aus, denn es war geplant, auch den Rest des „alten Gemäuers“ samt Turm in neuem Glanz erstehen zu lassen, wie das z. B. in Enniger, Westkirchen und Ostenfelde geschehen ist. Wer den Urzustand von St. Jakobus nachempfinden möchte, sollte einmal die „Schwesterkirche“ in Lohne bei Bad Sassendorf in der Soester Börde besuchen. Dort sind noch alle typischen Merkmale erhalten wie quadratischer Chor, großes einheitliches Dach und die Eingänge in den Seitenwänden im Norden und Süden; der Turm ist noch bescheiden niedrig, wenngleich er in Ennigerloh wahrscheinlich stumpfer war. Einige alte Grabsteine lassen noch heute erkennen, dass man hier wie dort Jahrhunderte lang die Toten um die Kirche zur letzten Ruhe bettete.