Allgemeines zur Stadt Ennigerloh

Rundgang durch das alte Ennigerloh:

Sinnvollerweise beginnen wir an der alten Kirche St. Jakobus, weil hier die eigentliche Mitte des Ortes ist; auch wenn sich im Laufe der Geschichte sozusagen ein zweiter Ortskern um den Marktplatz und das Rathaus gebildet hat, hier oben hat alles seinen Anfang genommen.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Auf den ersten Blick scheint es nichts Besonderes zu sein, dass da die Kirche in der Mitte steht und Häuser fast im Kreis drum herum. Aber dem ist nicht so: Das Besondere erkennt man nur, wenn man um die Entwicklung weiß: 1.Ursprünglich stand nur die Kirche hier und außer Pastorat und wahrscheinlich einem Gemeindehaus keine Häuser. 2. liegt die Kirche oben auf dem Berg; bei allen umliegenden Gemeinden ist das nicht so; Menschen wohnen zuerst da, wo es Wasser und leicht zu bearbeitenden fruchtbaren Boden gibt. Ausnahme wäre eine Burg, wie z. B. in Stromberg, aber auch dort steht die Dorfkirche unten im Tal.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Auf diesem Berg war mit großer Sicherheit schon ein Heiligtum vor der Christianisierung durch den Frankenkönig Karl den Großen (um 800). Es hat 30 Jahre gedauert, bis die Franken dieses Gebiet der Sachsen erobert hatten. Einen „Beweis“ für das Heiligtum bietet der Name Ennigerloh: Die Endung „-loh“ bedeutet bewaldeter Hügel, wo Götter verehrt werden, der im Besitz der Allgemeinheit ist, also kurz „Heiliger Hain“; das Wort ist verwandt mit dem lateinischen Wort „lucus“, das auch diese Bedeutung hat. Man kann mit Fug und Recht annehmen, dass die erste christliche Kirche also an der Stelle errichtet wurde, wo schon die germanischen „Heiden“ ihre Götter verehrt haben. Wann eine christliche Gemeinde gegründet wurde, ist unter den Historikern umstritten. Es könnte sein, dass der Hl. Ludgerus sie selber schon gründete (Tibus), andere halten es für wahrscheinlicher, dass das etwa Ende des 9. Jahrhunderts geschah (Hömberg)

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Das heutige Kirchengebäude stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und wurde Ende des 19. Jahrhunderts erweitert. Siehe dazu den eigenen Artikel unter St. Jakobus.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Ein ähnlich heiliger Bezirk war der Platz gleich nebenan im Süden der Kirche (Zugang durch die Krütengasse) für ein Gericht, das über Leben und Tod entscheiden konnte (Femegericht). Heute erinnert ein kleiner Brunnen daran mit der Inschrift, die auf den Zuständigkeitsbereich hinweist. Ein Gericht tagte früher unter freiem Himmel, meist unter einer großen Linde. Über die Verhandlungen sind leider keine Aufzeichnungen vorhanden, bekannt ist nur eine Klage eines Bürgers der Stadt Geldern gegen den Magistrat der Stadt (1461). Der Galgen zur Vollstreckung der Todesstrafe stand auf dem Schleeberg. Das Gericht wurde später nach Oelde verlegt.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Um die Kirche war laut Gesetz von Karl dem Großen immer der Begräbnisplatz. Erst 1877, also nach rund 1000 Jahren, wurde er verlegt an die heutige Bahnhofstraße, damals „an den Rand außerhalb des geschlossenen Dorfes“. Heute befindet sich dort ein kleiner Park mit einem von der Ennigerloher Künstlerin Hilde Schürk-Frisch geschaffenen Denkmal, das an die Gefallenen der Kriege von 1870/71, 1914/18, und 1939/45 erinnert.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Nach dem 30-jährigen Krieg, in dem die Ennigerloher Bevölkerung stark gelitten hat durch wiederholte Plünderungen, Brandschatzungen und Seuchen, gibt der Landesherr (der Bischof von Münster) den Rand des Friedhofs frei zur Bebauung; so entstand der Häuserkranz um die Kirche (vor 1700), später wird auch der nicht mehr gebrauchte Gerichtsplatz freigegeben, so entstand der Drubbel (nach 1700) (Das niederdeutsche Wort „Drubbel“ ist verwandt mit dem hochdeutschen Wort „Traube“: die Häuser stehen so dicht zusammen, wie die Beeren einer Traube) Die dichte Bauweise bringt eine große Brandgefahr, so z.B. 1776, als 25 von 75 Häusern abbrannten (Inschrift am kleinen Drubbelhaus). Solche Katastrophen geschahen nicht nur in Ennigerloh. Fürstbischof Maximilian Friedrich v. Königseck führte deshalb 1768 eine obligatorische Feuerversicherung ein, die bis heute unter dem Namen Provinzial-Feuersozietät besteht. Um jedes Haus genau zu kennzeichnen, wurden damals Hausnummern eingeführt. Man nummerierte einfach der Reihe nach durch, Nr. 1 stand an Ecke Ennigerstr./Elmstr. . Spätere Neubauten bekamen die folgende Nummer, dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein großes Durcheinander; deshalb hat man später Straßennamen eingeführt mit jeweils neu beginnender Nummerierung.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Die Grundstücke um die Kirche und im Drubbel sind alle nur so groß, wie die darauf stehenden Häuser; trotzdem waren sie damals sehr beliebt, weil sich hier freie Bürger ansiedeln konnten im Gegensatz zu den Bauern und Köttern, die damals noch alle „leibeigen“ waren, das heißt, sozusagen das lebende Inventar der Höfe waren, die alle einem adeligen oder kirchlichen Grundherren gehörten. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, angestoßen durch Napoleon und endgültig ausgeführt unter den neuen Landesherren, den Preußen, wurden die Bauern frei, konnten evtl. auch ihren Hof verkaufen und da wohnen wo sie wollten. Das war wichtig vor allem auch für die Kinder, die heiraten oder ein Handwerk o.ä. lernen konnten, ohne dafür die Genehmigung des Grundherrn erbitten zu müssen.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Ennigerloh ein kleines Dorf im Münsterland, wie die Nachbarorte auch. Eine ganz große Veränderung der Ortsstruktur setzte erst durch die „Industrialisierung“. Voraussetzung dafür war der Bau einer Eisenbahn: Zuerst entstand die Strecke Köln-Minden, die durch die Ennigerloher Bauernschaft Werl verlief und im Jahre 1848 fertig war. Wo die Bahnlinie mit der Landstraße Osnabrück-Soest kreuzt, entstand der Bahnhof „Beckum-Ennigerloh“; darum herum entwickelte sich eine neue Ortschaft, die als „Neubeckum“ 1899 selbständig wurde. Mit der Eisenbahn konnte im großen Stil Kohle aus dem nahen Ruhrgebiet herangebracht werden, damit konnte der heimische Rohstoff Kalkstein gebrannt werden und der Kalk – später der Zement – in alle Welt transportiert werden. 1899 war die WLE-Strecke Neubeckum-Warendorf mit 4 Bahnhöfen bzw. Haltestellen in Ennigerloh (Kalköfen, Ennigerloh, Grimberg und Finkenberg) und Anschlüssen aller Zementwerke (Rhenania, Preußen, Elsa, Kalthöner, Germania, Union, Grimberg und Rosenstein, Anneliese, Finkenberg) fertig. Viele neue Arbeitsplätze entstanden, und die Bevölkerung (nur in Ennigerloh ohne Neubeckum) wuchs in rund 50 Jahren von ca. 2000 auf 5000. Das Dorf wächst hauptsächlich zuerst nach Süden: die ersten neuen Straßen waren die Kurze Straße und die Kaiser-Wilhelm-Straße, heute Alleestraße. Vor dem 1. Weltkrieg wurde ein Bebauungsplan vorgelegt u. a. mit Marktplatz und 4 Straßen, die sternförmig in die Längsseiten des Platzes übergehen: 1. Bahnhofstr./Oelderstr., 2. Kaiser-Wilhelmstraße (heute Alleestraße), 3. Geiststr. , 4. Neubeckumerstr. Letztere sollte ursprünglich an der Eingangsseite der evgl. Kirche vorbei in die Längsseite, wo heute das Rathaus steht, einmünden. Wegen des 1. Weltkriegs konnten diese Pläne nicht realisiert werden. Der einstmals große Marktplatz war lange Zeit nicht viel mehr als eine freie Fläche im Zentrum, da außer dem Rathaus repräsentative Gebäude, die ihm ein Gesicht gegeben hätten, fehlten. Gegen großen Widerstand in der Bevölkerung wurde er in den 90er Jahren mit Wohnungen und Geschäftshäusern bebaut.

Die Zementmuschel von Ennigerloh

Nach dem 1. Weltkrieg 1914/18 herrschte große Armut, weil mehrere Zementwerke bankrott gegangen waren. Durch „Notstandsarbeiten“ wurde Ennigerloh das erste Dorf mit Kanalisation, Bürgersteigen und Zementstraßen. Neuen Aufschwung nahm die Wirtschaft, die einseitig fast nur von der Zementfabrikation abhängig war, wegen der Aufrüstung im „Dritten Reich“. Ein Vorzeigeobjekt war das Freibad am Stavernbusch, das 1938 eingeweiht werden konnte. Nach dem 2. Weltkrieg 1939/45, den das Dorf fast ohne Schäden überstand , ging es schnell wieder bergauf wegen der großen Nachfrage an Baumaterial für den Wiederaufbau. Hauptsächlich durch Ostvertriebene wuchs die Bevölkerung noch einmal um das Doppelte auf 10.000. Durch neue Industrie verliert Ennigerloh seine einseitige Abhängigkeit vom Zement: die Profilia-Werke entwickeln sich zum größten Polstermöbel- und Matratzenhersteller in Europa, Rottendorf-Pharma, ursprünglich in Berlin gegründet, wird wegen Kriegsschäden nach Ennigerloh verlegt, Gebr. Hischmann, Maschinenfabrik, entwickelt sich aus kleinen Anfängen in Gebäuden des stillgelegten Zementwerkes Union zu einem bedeutenden Anlagenbauer für Zementwerke, wird später von O & K, dann direkt von der Krupp bzw. jetzt Thyssenkrupp Fördertechnik GmbH übernommen, Görges und Franz wird bekannt als leistungsfähige Buntmetall-Gießerei. Durch Konzentration auf wenige Unternehmen in der Zementindustrie bleibt von ehemals 7 Zementfabriken nur die Anneliese mit 2 Produktionsstätten bestehen, je eine im Norden und im Süden der Stadt.

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